„Ich fühlte mich schuldig“

Welche Unsicherheiten haben Männer beim Sex? Welches Bild von Männlichkeit steht ihnen im Weg? Drei von ihnen erzählen von Bedürfnissen, Druck und Kommunikation.

Von Lou Zucker

Angst davor, zu schnell zu kommen. Das Gefühl, die Partnerin zum Orgasmus bringen zu müssen. Die Erwartung, dass man als Mann immer Lust auf Sex habe. Für viele Männer ist Sexualität von lauter Unsicherheiten durchzogen, die ihnen dabei im Wege stehen, mit ihren eigenen Bedürfnissen und Emotionen in Kontakt zu treten. Sex hat dann weniger mit Lust zu tun und mehr mit dem Druck, bestimmte Bilder von Männlichkeit zu wahren.

Vor Kurzem berichteten drei Frauen von der Schwierigkeit, Nein zu sagen und für ein Nein Gehör zu finden. Die Rollenbilder, die Männer beim Sex umtreiben, sind fundamental damit verwoben.

An dieser Stelle erzählen nun drei Männer von Momenten, in denen sie Sex hatten, obwohl sie nicht wirklich wollten – oder auf eine Weise, auf die sie eigentlich keine Lust hatten. Von Situationen, in denen sie glaubten, selbst schon einmal die Grenzen anderer verletzt zu haben. Und davon, wie sie lernten, offener zu kommunizieren.

Mit einer meiner Ex-Freundinnen ist es öfters vorgekommen, dass ich müde und erschöpft vom Tag war und keine Lust auf Sex hatte. Nach einer Weile war sie genervt, meinte, ich sollte mein Leben anders organisieren. Sie dachte, ich würde sie nicht mehr attraktiv finden und fühlte sich als Partnerin zurückgewiesen.

Ich war tatsächlich müde, aber ich fühlte mich auch nicht wohl damit, wie der Sex bei uns ablief: Wir küssten uns ein bisschen, dann befriedigte ich sie, bis sie irgendwann Penetrationssex wollte. Es gab wenig Aufmerksamkeit für meinen Körper und wenn, dann beschäftigte sie sich hauptsächlich mit meinen Genitalien. Ich hätte mir mehr Aufmerksamkeit für den gesamten Rest meines Körpers gewünscht, aber ich konnte nicht darüber sprechen. Mehr Aufmerksamkeit zu wollen, erschien mir als etwas Negatives. Außerdem hatte ich Angst, sie zu verletzen.

Dazu kam, dass ich mich schuldig fühlte, wenn sie sich mit meinen Genitalien beschäftigte. Ich war mir nicht sicher, ob sie das gerade für sich tat oder nur aus Konvention, ob ich das wirklich genießen durfte. Ich fühlte mich, als würde ich sie ausnutzen. Besonders stark hatte ich dieses Gefühl, wenn sie mich oral befriedigte, weil das gesellschaftlich als eine unterwürfige Position gesehen wird.

Manchmal haben Partnerinnen mit meinen Hoden gespielt, auf eine Weise, die wehtat. Ich dachte mir: „Es ist nur ein Moment, es ist bald vorbei.“ Oder sie haben versucht, mich über meinen Anus zu erregen. Dabei hatte ich aber eher das Gefühl, dass sie das aus persönlichem Ehrgeiz taten, als dass es dabei wirklich um mich ging. Oft habe ich nichts gesagt, weil ich nicht wollte, dass sie sich schlecht fühlen oder weil ich den Moment nicht kaputtmachen wollte. Manchmal habe ich aber auch gesagt, dass ich mich damit nicht wohlfühle, und sie haben es immer wieder probiert. Ich hätte mir gewünscht, dass sie wenigstens vorher fragen, ob sich meine Gefühle dazu verändert haben.

„Weil ich schnell kam, fühlte ich mich schuldig.“ Leo

Oft war es beim Sex für mich so, als würde ich mich selbst von außen beobachten und beurteilen. Ich erinnere mich an eine Situation mit einer Person, die ich nicht so gut kannte. Ich war noch ziemlich jung und wusste einfach nicht, wie Sex geht, wie ich das Tempo runterfahren kann, wenn ich mich danach fühle, wie ich dabei in Kontakt mit meinen eigenen Emotionen sein kann. Weil ich schnell kam, fühlte ich mich schuldig. Schuldig, dass ich es nicht geschafft hatte, der anderen Person Lust zu verschaffen. Schuldig, weil es gesellschaftlich schlecht angesehen ist, schnell zu kommen. Gleichzeitig schämte mich dafür, dass ich es trotzdem genossen hatte. Ich hatte das Gefühl, keine Kontrolle über meinen Körper zu haben, schlechter zu sein im Vergleich zu anderen, in den Augen der anderen Person an Wert zu verlieren.

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