Die Überzeugungstäterinnen

Zwei Studentinnen werden beim Containern erwischt. Nun läuft gegen sie ein Verfahren wegen „besonders schweren Diebstahls“.

Von Leonie Sontheimer

Containerinnen vor Edeka-Filiale in Olching

Caro und Franzi schultern gerade ihre schweren Rucksäcke, als die Polizei um die Ecke biegt: „Halt! Was macht ihr da?“. Sofort wissen die beiden, dass sie in der Klemme stecken. Sie stehen mit ihren Fahrrädern in einer LKW-Einfahrt auf der Rückseite eines Supermarkts. Es ist 23 Uhr an einem lauen Juniabend im Münchner Vorort Olching. Caro (27) und Franzi (25) haben gerade „containert“, also Lebensmittel aus den Mülltonnen genommen, die im verlassenen Ladebereich des Supermarkts stehen. Ihre Rucksäcke und Fahrradtaschen sind vollgepackt mit Salatköpfen, Säften und Joghurt-Bechern. Die zwei Streifenpolizisten kommen auf sie zu und versperren damit den einzigen Ausweg aus der Einfahrt.

„Wir kamen uns vor wie Schwerkriminelle“, erzählt Caro. Die Jacken hätten sie ausziehen müssen und sich breitbeinig hinstellen, dann hätte die Polizistin sie abgetastet – nach Waffen durchsucht, sagt Caro. Alles, was sie gefunden haben, waren Lebensmittel – teils abgelaufen, teils mit fauligen Stellen, teils unversehrt. Und ein Kantschlüssel, der auf die Schlösser der Mülltonnen passt. So ein Werkzeug bekommt man in jedem Baumarkt für wenige Euro. Die Lebensmittel mussten Caro und Franzi zurück in die Tonnen werfen, dann durften sie nach Hause fahren. Zwei Monate später flatterten die Konsequenzen in Form von zwei Briefen in die WG der beiden Studentinnen: Ermittlungsverfahren. Der Vorwurf: „besonders schwerer Fall des Diebstahls“.

Containern ist in Deutschland illegal. Obwohl die Lebensmittel bereits in der Mülltonne liegen, gehören sie noch dem Supermarkt. Solange, bis sie von der Müllabfuhr abgeholt werden. Personen, die ungefragt etwas aus den Tonnen nehmen, begehen also Diebstahl. Manchmal wird ihnen auch Hausfriedensbruch vorgeworfen; die Mülltonnen stehen meistens im Ladebereich der Supermärkte und damit auf Privatgrundstücken.

Obwohl Containern also eine Straftat ist, kommt es sehr selten zum Gerichtsverfahren. Wie viele Menschen regelmäßig containern, ist schwer zu erfassen – im Regelfall versuchen die selbsternannten Essensretter, unentdeckt zu bleiben, also ist die Dunkelziffer hoch. Wenn die Polizei oder Mitarbeiter eines Supermarkts doch mal jemanden erwischen, wird die Ermittlung meist wegen Geringfügigkeit eingestellt. Der Fall von Caro und Franzi ist besonders: Sowohl die Staatsanwaltschaft München II, die für Olching zuständig ist, als auch der Marktleiter der Edeka-Filiale haben einen Strafantrag gestellt.

Vier Wochen nach dem ersten Brief von der Staatsanwaltschaft, den Caro und Franzi unbeantwortet lassen, folgt ein weiterer.

 

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